“Ist jemand in Christus, so ist er ein neuer Mensch.” – Cannock Chase 2017

“Ist jemand in Christus, dann ist er oder sie ein neuer Mensch. Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.” (2 Kor 5,17)

Liebe Gemeinde, dear brothers and sisters in Christ!

Bei einem Gang über diesen Friedhof sind mir eine Reihe Gräber aufgefallen, in denen Menschen bestattet sind, die 1917 offensichtlich auf der Isle of Man gestorben sind. Es sind keine Soldaten, die bei kriegerischen Auseinandersetzungen gefallen sind. Es sind keine Helden, die ihr Leben für ihr Vaterland geopfert haben. Nein, es sind Zivilisten. Es sind deutsche Männer, die mit ihren Familien einst nach England eingewandert sind oder sich in englische Frauen verliebt haben und mit ihnen eine Familie gegründet haben. Sie waren einst willkommen gewesen in einem Land, in dem selbst die königliche Familie aus Deutschland eingewandert war und den Namen Sachsen-Coburg und Gotha trug. Sie hatten alle in England ihr Zuhause gefunden und zum gesellschaftlichen Leben beigetragen. Die zahlreichen deutschen Kirchen um 1900 waren Zeugen eines freundschaftlichen Miteinanders zwischen Einheimischen und Einwanderern.

Doch “alles hat seine Zeit”, heißt es im Buch Prediger im Alten Testament. Es gibt in dieser Welt kein Glück, das man festhalten kann. “Man mühe sich ab, wie man will, man hat doch keinen Gewinn davon.” heißt es. “There is a time for every matter under heaven”, therefore, “a time to love, and a time to hate, a time for war, and a time for peace.” This is the insight of the book Ecclestiastes in the Old Testament (Prediger 3,1.8). This is the way our world works.

With the beginning of the Great War, Germans living in England were suddenly seen enemies. The war propaganda, which incited hatred of the war opponents in order to create dedicated soldiers, destroyed the peaceful coexistence of nativs and immigrants. The churches were expropriated, German-owned property destroyed, and tens of thousands of men deported to camps. They had to survive under difficult circumstances. 250 men did not survive this captivity and are buried here in Cannock Chase.

Und wie es den Frauen und Kindern ergangen ist, die nun auch zu den Feinden gehörten und für die kein Ehemann und Vater mehr sorgen konnte, kann man nur ahnen. Ohne die Hilfe von Menschen, die mit ihnen Mitleid hatten, hätten sie nicht überleben können. Auch die deutsche Gemeinde in Birmingham ist dieser Entwicklung zum Opfer gefallen: Ihr Pfarrer Rudolf Hartmann kam in ein Gefangenenlager auf der Isle of Man, und das für den Bau der Kirche gesammelte Geld wurde beschlagnahmt. Selbst das Königshaus wurde von der Kritik an den deutschen Wurzeln nicht verschont: König Georg V. musste seinen Namen in “Windsor” ändern und das deutsche Wappen seiner Familie von seinem Schloss entfernen.
This is an especially ugly side of the war: It does not only affect the soldiers who fight against each other in a battle of nations and who will ultimately make peace again. It also affects people who are not interested in war and live far from the fighting. It turns friendly neighbours into people who give free rein to their hatred of strangers. It destroys the coexistence that has benefited everyone for years. In the words of Ecclesiastes 3:2 “There is a time to plant, and a time to pluck up what is planted”

Auch ein Teil meiner Verwandtschaft hat an dieser Entwicklung teilhaben müssen. Die Geschwister meines Ur-Großvaters lebten in London und gehörten hier nach dem Beginn des Krieges nun zu den ausländischen Feinden. In Deutschland jedoch galten sie als Verräter, weil sie lieber im feindlichen England lebten nicht gegen die Engländer kämpfen wollten. Für meinen Großvater waren die englischen Verwandten nun Feinde, mit denen er sein Leben lang auch keinen Kontakt mehr gepflegt hat.

This cemetery here is a silent witness to the abysses that open up with the war. It reminds us to keep the peace so that countless people do not have to suffer. What’s more, it shows us what contribution we can make.
For this, however, we first have to detach ourselves from the pessimistic attitude of the book Ecclesiastes in the Old Testament. “There is a time for every matter,” it notes. You cannot hinder it. “Strive as you like, you do not have any profit from it.” therefore, there is “a time to love, and a time to hate, a time for war, and a time for peace.” “Wrong,” replies the Apostle Paul. “If anyone is in Christ, then he or she is a new person, everything old has passed away, see, everything has become new.” (2. Kor 5.17)
“Ist jemand in Christus, dann ist er oder sie ein neuer Mensch. Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.”

Christen können sich also anders verhalten. Sie wissen, dass sie bei Gott nicht zu kurz kommen, weil sie von ihm geliebt werden. Und sie wissen, dass sie mit all den Menschen zusammengehören, die ebenfalls von Gott geliebt sind. Nationale Grenzen sind für Gott ohne Bedeutung und daher für Christen auch nicht unüberwindlich. Gottes Liebe macht Menschen fähig, selbst liebevoll zu sein. Sie müssen nicht hassen, streiten und das gelingende Zusammenleben zerstören. Die Quäker (Society of Friends) haben dies in England 1917 bewiesen. Sie haben sich nicht vom Fremdnhass anstcken lassen. Sie habn sich um die Familien der Deportierten gekümmert. Und mit ihnen auch viele andere Christen, denen die Menschlichkeit wichtiger war als die Nation. Sie haben gezeigt, dass der wahre Friede nicht nur in den Händen der Politiker oder der Streitkräfte liegt. Nein, er liegt in den Händen der Menschen, die sich für Versöhnung und Freundschaft über die nationalen Grenzen hinweg einsetzen.

Unfortunately, in the two world wars, there were simply not enough renewed people. There were not enough Christians who opposed the nationalism. There were not enough people who have worked for a peaceful coexistence of people of different origins. There were too few people in England and in Germany who were aware that they were guilty of marginalizing a minority group. The dead of this cemetery could have contributed to a successful coexistence in this country, if they had ben able to live together with their families. Es waren damals einfach zu wenige, die sich dem Nationalismus entgegen gestellt haben. Es waren zu wenige, denen ihr Glaube die Augen geöffnet hat für den Mangel an Vertrauen in die Liebe Gottes, der sich in der Ausgrenzung von Menschen zeigt.

Aber das muss sich ja nun nicht wiederholen. Es muss nicht einfach alles seine Zeit haben. Die Zeit der Abgrenzung darf wirklich nun zu Ende sein. Die Europäische Gemeinschaft hat über Jahrzehnte für ein gemeinsames Europa gesorgt, in dem Menschen in Frieden miteinander leben konnten. Auch ich bin gerne als Europäer nach England gekommen und fühle mich hier zu Hause. Und wenn ich nach Deutschland zurückkehre, werden meine Gedanken bei den Menschen bleiben, mit denen ich hier zusammenlebe. Diese politisch organisierte Gemeinschaft zwischen Deutschen und Engländern könnte bald zu Ende sein. Es liegt daher nun in unserer Hand, wie wir das nächste Kapitel unserer gemeinsamen Beziehungen gestalten.

Friendship does not depend on good political conditions. It does not need international treaties. Friendship among people of different nations or cultures is a matter of the heart. And our hearts can rely on God’s love. Love gives us the strength to resist the spirit of nationalism and cultural boundaries. Because “If anyone is in Christ, then he or she is a new person, everything old has passed away, see, everything has become new.” “Ist jemand in Christus, dann ist er oder sie ein neuer Mensch. Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.”

Für die Toten auf diesem Friedhof kommt diese neue Geisteshaltung zu spät. Aber die Erinnerung an ihren Tod könnte uns helfen, den Anfängen eines neuen Nationalismus und einer neuen Fremdenfeindlichkeit zu wehren und so zu einer Welt beizutragen, in der Menschen nicht mehr leiden und sterben müssen, nur weil sie einer anderen Nation angehören. Gottes Verheißung “Siehe, ich mache alles neu” gibt nicht nur den Toten Zukunft sondern auch den Lebenden eine Hoffnung für die Veränderung der Gegenwart.

Albrecht Köstlin-Büürma