Suche Frieden und jage ihm nach

Gedanken zur Jahreslosung 2019

„Ein glückliches neues Jahr,“ rief Friedemann Glück, erhob sein Sektglas und stieß mit seiner Frau an. „Das wünsche ich dir auch,“ entgegnete Frau Glück. „Was hast du dir denn für das neue Jahr vorgenommen?“ – „Dass ich jeden Tag glücklich bin“, lachte Friedemann. „Das gilt nicht,“ meinte seine Frau. „Du musst dir vornehmen, etwas Besonderes zu tun, damit du in diesem Jahr glücklicher bist als im letzten Jahr. Zum Beispiel könntest du morgens aufstehen, wenn der Wecker klingelt, und dich nicht noch einmal im Bett umdrehen. Oder du könntest abends früher mit Arbeiten aufhören. Oder jede Woche einen Tag zur freien Verfügung einführen, an dem du nichts tun musst. Oder wie ich es mir vorgenommen habe, zehn Kilo abnehmen.“ – „OK,“ sagte Friedemann, schloss kurz seine Augen und meinte dann: „Nun habe ich meinen Vorsatz gefasst.“ – „Und?“ fragte seine Frau. „Das verrate ich dir nach dem Frühstück,“ lachte Friedemann. „Jetzt wird erst einmal gefeiert“.

Beim Frühstück am nächsten Morgen fragte Frau Glück: „Nun, was hast du dir für dieses Jahr vorgenommen?“ „Das verrate ich erst nach dem Frühstück,“ entgegnete Friedemann und hoffte, dass seine Frau die Angelegenheit bald wieder vergessen würde. Aber sie ließ nicht locker: „Du hast heute noch gar keinen Speck gegessen. Verzichtest du ab jetzt auch auf Fett? Ich esse ja überhaupt nur noch soviel, dass ich gerade satt werde.“ – „Verzichten ist keine gute Strategie, um glücklich zu werden,“ entgegnete Friedemann. „Wenn du verzichtest, dann denkst du die ganze Zeit an etwas, was du nicht hast. Du hast dann zwar etwas geleistet, aber das macht dich nicht wirklich glücklich. Du brauchst ein positives Ziel.“ – „Und was ist nun dein positives Ziel?“, fragte Frau Glück.

Zum Glück läutete in diesem Augenblick das Telefon. Es war die Schwester von Frau Glück. Friedemann hatte nun also etwa eine halbe Stunde Zeit, sich ein positives Ziel für das neue Jahr einfallen zu lassen. In der Hoffnung auf eine gute Idee ließ er seine Augen durch die Wohnung schweifen. Das Geschirr in der Küche abwaschen – das konnte anstrengend werden. Die defekten elektrischen Geräte reparieren – dafür bräuchte er viel mehr Zeit, und sie einfach wegzuwerfen, das brachte er auch nicht übers Herz. Die Post in die Ordner einzusortieren – da hatte sich schon zuviel angesammelt. Sein Arbeitszimmer aufzuräumen war zwecklos, denn die Unordnung stellte sich von selbst wieder ein. – In seiner Verzweiflung blätterte Friedemann im Gemeindebrief in der Hoffnung auf eine Idee.

Und da war es, das ideale Ziel – die Jahreslosung für das Jahr 2019

Suche Frieden und jage ihm nach.

Das war perfekt. „Frieden suchen“ das klang besonders anspruchsvoll, insbesondere in einer friedlosen Welt, und andrerseits war es eine lösbare Aufgabe: Man brauchte sich nur an Online-Petitionen und gelegentlich an einer Demonstation gegen Fremdenhass zu beteiligen, mehr konnte ein einfacher Bürger ja wohl nicht für den Frieden tun.

Mit einem zufriedenen Lächeln kehrte Friedemann an den Frühstückstisch zurück, wartete das Ende des Telefongesprächs ab und erklärte dann seiner Frau: „In diesem Jahr werde ich mich für den Frieden einsetzen.“ – „Ist das dein Ernst?“, fragte sie ihn. „Natürlich,“ meinte Friedemann, „der Friede ist wichtig, und ich werde in diesem Jahr etwas dafür tun, dass es in unserem Land friedlich bleibt. Petitionen, Demonstrationen, und nicht zu vergessen die politische Willensbildung am Stammtisch – da kann ich viel Gutes tun.“ – „Es klingt, als ob du den Artikel über die Jahreslosung im Gemeindebrief gelesen hast,“ meinte Frau Glück. – „Manchmal steht da eben auch etwas Vernünftiges drin“, entgegnete Friedemann. – „Mich überzeugt das nicht, was der Pfarrer geschrieben hat,“ meinte Frau Glück. „Der hatte doch nur das Kriegsende im Kopf und die Friedensgottesdienste. Aber bei der Jahreslosung geht es um etwas ganz anderes.“ – „Woher willst du das denn wissen?“, fragte Friedemann. „Kennst du dich in der Bibel besser aus als der Pfarrer?“ – „Sicher nicht,“ entgegnete Frau Glück. „Aber ich kann selber denken und muss daher nicht alles glauben, was andere Leute behaupten. Überleg doch mal: Die Jahreslosung stammt aus einem Psalm. Psalmen sind Gebete für normale Leute, die lange vor Christus gelebt haben. Da kann es doch nicht um Petitionen und Demonstrationen gegen den Krieg gehen. „Frieden suchen“ muss also etwas ganz Alltägliches bedeuten, nämlich sich um ein friedliches Zusammenleben mit den anderen Menschen bemühen, zum Beispiel mit mir.“ – „OK, dann lebe ich eben in diesem Jahr mit dir friedlich zusammen,“ lachte Friedemann. „Das ist wirklich ein gutes Ziel.“ – „Da bin ich ganz deiner Meinung“, meinte Frau Glück, „Ich werde dich bei unserem nächsten Streit daran erinnern.“

Nach dem Frühstück packte Friedemann das Puzzle aus, das er an Weihnachten von seinen Kindern geschenkt bekommen hatte. Er sortierte zunächst die Teilchen nach Farben und begann dann, eine weiße Fläche zusammenzulegen. „Warum machst du nicht erst einmal den Rand?“ fragte seine Frau. „Ich finde es interessanter, ein Motiv fertig zu bringen,“ antwortete Friedemann. „Der Rand ist mir zu langweilig.“ – „Ich beginne immer mit dem Rand,“ meinte Frau Glück. „Dann ist es einfacher.“ Friedemann wollte gerade erklären, dass nur Anfänger ein Puzzle mit dem Rand beginnen und womöglich noch das Bild daneben legen. Es fiel ihm gerade rechtzeitig noch ein, dass er ja keinen Streit mit seiner Frau wollte.

Den ganzen Tag war er in das äußerst schwierige Puzzle vertieft, und als seine Frau ihn fragte, ob sie nicht einen Spaziergang machen wollten, solange die Sonne schien, kam er eher unzufrieden mit. Anschließend setzte er sich gleich wieder an das Puzzle. Als ihn seine Frau am Abend fragte, ob er jetzt das ganze Jahr über puzzeln wolle, da wurde ihm bewusst, dass die Sache mit dem Frieden nicht so einfach war. Es konnte eigentlich nicht friedlich im Haus bleiben, wenn seine Frau nicht zufrieden war. Also trennte er sich schweren Herzens von seinem Puzzle und verbrachte den Abend mit einem gemeinsamen Spiel. Der erste friedliche Tag ist geschafft, dachte er, als er zu Bett ging.

Am nächsten Tag las er vor dem Frühstück die Nachrichten. Er begann sich über den amerikanischen Präsidenten aufzuregen, der wegen einer sinnlosen Mauer den staatlichen Mitarbeitern die Gehälter nicht bezahlen konnte. Er schimpfte über den brasilianischen Präsidenten, der den Regenwald zerstören wollte, über die Türken, die gegen die Kurden in Syrien Krieg führten, über den Brexit, über die Russen und über die Chinesen, die hinter allem Bösen in der Welt steckten. „Was ist eigentlich aus deinem guten Vorsatz geworden?“, fragte Frau Glück. „Wieso?“, fragte Friedemann erstaunt. „Weil ich dich nun schon seit einer halben Stunde sehr unfriedlich erlebe,“ meinte Frau Glück. „Ich verstehe zwar deinen Ärger, aber die Art und Weise, wie du die Welt kommentierst, trägt nicht zum Frieden in unserem Haus bei. Und ich glaube auch nicht, dass es dich glücklich macht, wenn du dich über die Politik aufregst. Das einzige, was sich dadurch ändert, ist deine Laune. Und die Stimmung hier am Tisch.“ Friedemann war überrascht. So hatte er das noch nicht bedacht. Seine Frau hat ja recht. Wenn er sich jetzt selbst gegenüber sitzen würde, dann wäre das Gespräch hier nicht anders als das am Stammtisch. Und man konnte ja kaum behaupten, dass es dort friedlich zu ging.

Am Vormittag bekam Friedemann einen Anruf von seinem Bruder. Nach dem Austausch von guten Wünschen gerieten sie schnell in ein Streitgespräch über die Kirche. Friedemann was sie zu konservativ und weltfremd, seinem Bruder viel zu modern und nicht fromm genug. Um einen wirklichen Streit zu vermeiden, brachte Friedemann den Onkel ins Spiel, den sie beide unmöglich fanden. Gemeinsam lästerten sie nun über dessen Lebensstil und Familie. Als er das Gespräch beendet hatte, fragte ihn seine Frau: „Was war das denn?“ – „Ich habe mich mit meinem Bruder unterhalten,“ antwortete Friedemann. „Das war doch keine Unterhaltung,“ sagte Frau Glück. „Ihr habt offensichtlich beide nur geschimpft. So tragt ihr nicht zum Frieden bei.“ Friedemann war betroffen. Nun hatte er versucht, sich mit seinem Bruder einmal in Frieden zu unterhalten, und auch dieser Versuch war offensichtlich misslungen. Den Streit mit ihm hatte er zwar geschickt umgangen, aber das gemeinsame Lästern über den Onkel hatte die Welt nun auch nicht besser gemacht. Und auch er selbst war in eine unfriedliche Stimmung gekommen. Ein wirklich positives Telefongespräch war wohl doch keine einfache Sache.

Der Nachmittag brachte jedoch noch eine größere Herausforderung mit sich: die Müllabfuhr. Sie war zwar auf den 2. Januar angesetzt, aber sie kam nicht. Jedenfalls nicht zu der Stelle, an der Friedemann seinen Mülleimer und den Plastikmüll deponiert hatte. Wahrscheinlich war die Straße wieder mit parkenden Autos verstopft gewesen. Aber das änderte ja nichts daran, dass sein Mülleimer nun nicht geleert war. Zu allem Überfluss hatte ihn der Nachbar noch bis zum Rand mit weihnachtlichem Verpackungsmüll aufgefüllt, weil sein eigener Mülleimer schon voll war. Wie sollte man sich nun friedlich über die ausgefallene Müllabfuhr beschweren und seinem Nachbarn klarmachen, dass man Verpackungsmaterial auch recyclen kann? Friedemann versuchte, das Problem einfach zu verdrängen. Aber er musste immer wieder daran denken, und jedes Mal ärgerte er sich mehr. Seine Stimmung war so gereizt, dass ihn ein kleines Missgeschick am Computer dann derart aufregte, dass seine Frau ihn kaum beruhigen konnte. „Ich ärgere mich am meisten darüber, dass ich mich ärgere,“ klagte Friedemann. „Vielleicht hast du dir zuviel vorgenommen,“ meinte seine Frau.

Am Abend verzichtete Friedemann auf seinen Fernsehkrimi und schaute stattdessen mit seiner Frau eine Liebeskomödie an. So kam wenigstens am zum Schluss noch Friedensstimmung auf.

Auch an den folgenden Tagen kämpfte Friedemann Glück mit seinem Programm „Suche Frieden“. Er ärgerte sich mehr und mehr, dass er die Jahreslosung 2019 gewählt hatte. Sie war einfach eine zu große Herausforderung. Am Sonntagmorgen schließlich beschloss er, zur Kirche zu gehen und den Pfarrer zu fragen, was er sich eigentlich dabei gedacht hatte, ein so schwieriges Programm im Gemeindebrief zu veröffentlichen. Der Pfarrer war gerade dabei, den Gottesdienstraum vorbereiten und freute sich über die unerwartete Hilfe. Doch Friedemann kam gleich zur Sache: „Wie kann ein Mensch ein friedliches Leben führen, wie es die Jahreslosung verlangt? Ich gebe mir wirklich Mühe, aber es gelingt mir einfach nicht. Und das ärgert mich so, dass ich noch unfriedlicher werde.“ „Erzählen Sie mir doch von Ihren Versuchen!“ bat ihn der Pfarrer. Friedemann zählte alle seine Fehlversuche der vergangenen Tage auf. „Das ist höchst interessant“, meinte der Pfarrer. „Sie sind auf dem Weg des Friedens unterwegs, doch sie wollen eigentlich etwas anderes: Sie wollen beim Frieden zuhause sein. Können Sie sich vorstellen, dass es das Haus des Friedens nur bei Gott gibt und dass es in einem Menschenleben nur den Weg des Friedens gibt? Ich behaupte nicht, dass der Weg das Ziel ist, aber wenn das Ziel in Gottes Hand liegt, dann bleibt uns Menschen doch nur der Weg. Ist das nicht logisch?“ Friedemann war irritiert. „Warum soll ich dann Frieden suchen, wenn mir der Friede gar nicht gelingen kann?“, fragte er. „Weil uns die Bemühung um Frieden die Augen öffnet für das, was Gott schafft.“ antwortete der Pfarrer. „Mit ihrem Programm für 2019 sind Sie auf einem guten Weg. Freuen Sie sich doch einfach über alles, was Ihnen auf Ihrem Weg gelingt. Und versuchen Sie sich nicht darüber zu ärgern, wenn Ihnen der Friede nicht gelingt. Überlassen Sie die Vollendung einfach Gott.“ – „Haben Sie das denn schon versucht?“, fragte Friedemann. Der Pfarrer lächelte: „Nein! Aber ich finde es eine gute Idee. Wenn Sie das versuchen, dann sollte ich es auch tun. Und falls Sie nichts dagegen haben, lege ich meine Predigt für heute zur Seite und erzähle im Gottesdienst stattdessen Ihre Geschichte. Vielleicht lädt dies noch mehr Menschen dazu ein, in diesem Jahr Erfahrungen mit der Jahreslosung zu machen: „Suche Frieden und jage ihm nach.“