Advent 2023

Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe! Psalm 24

Ich lese gerade ein spannendes Buch von Kenneth Bailey: „Jesus through Middle Eastern eyes“. Bailey war Pfarrer und Theologen, der Jahrzehnte im Nahen Osten gelebt hat. Dadurch hat er sozusagen einen Insider-Blick auf den Alltag und die Verhältnisse dort damals wie heute.

Im ersten Kapitel des Buches geht es gleich um die Geburtsgeschichte in Bethlehem. Sie gehört sicher zu den am weitesten verbreiteten Erzählungen auf unserer Erde. Bailey nimmt die Umständen und Äußerlichkeiten der Geschichte in den Blick. Jesus wird in ärmlichen und schwierigen Verhältnissen geboren, heißt es im Lukasevangelien. Seine Eltern legen ihn in eine Krippe, den sie finden sonst keinen Raum in der Herberge. Daraus hat sich die Darstellung entwickelt, dass Maria ihr Kind in einem Stall zur Welt bringt.

Wir alle kennen Darstellungen, wie oben auf diesem Blatt, die das dann über Jahrhunderte bildlich vor Augen führen. Zu sehen sind ein zugiger Stall oder eine Höhle ohne Tür und nur die Tiere als Gesellschaft. Der Theologe und Orientkenner Bailey sieht diese Darstellung kritisch. Er kann ziemlich plausibel darlegen, dass einige Details nicht ganz stimmig sind, abgesehen davon, dass die Krippe schließlich nur bei Lukas erwähnt wird. Matthäus spricht davon, dass die Weisen aus dem Morgenland die Familie in einem Haus antreffen.

Vielleicht wurde die Geburtsgeschichte später so weitererzählt, weil sie vom Ende her gedacht war. Am Ende verstoßen, verurteilen und kreuzigen die Menschen den Heiland. Etwas davon soll sich deshalb bereits am Anfang finden, damit Anfang und Ende des Evangeliums miteinander korrespondieren. Oder ganz einfach: Die Geschichte wurde sozusagen dramatisiert, um sie spannender erzählen zu können?

Bailey hat ein paar bedenkenswerte Argumente, die eine andere Einordnung ermöglichen. Wenn Joseph ein Nachkomme Davids war und in seinen Geburtsort zurückkehrt, dann ist es unwahrscheinlich, dass sich ihm dort keine Türen öffnen sollten. Außerdem bleibt in der orientalischen Kultur – und sicher nicht nur in der orientalischen – eine hochschwangere Frau doch nicht ohne Hilfe.

Und ein – sozusagen praktisches – Argument, was ich besonders einleuchtend finde: Die einfachen Menschen hatten damals keine von ihren Häusern getrennten Ställe. Im Gegenteil, Menschen und Tiere lebten zusammen in einem Gebäude, wie das auch in Europa bis weit über das Mittelalter hinaus in ländlichen Gegenden noch üblich war. Die einfachen Häuser der Menschen bestanden aus einem großen Raum, der aufgeteilt war: Ein Bereich für die Tiere und ein Bereich für die Menschen. Damit waren die Tiere nachts sicher und in den kalten Nächten war es im Haus wärmer.

Wir können also die Geschichte von der Geburt Jesu ein bisschen anders und neu hören. Da öffnet sich doch eine Tür für die angehenden Eltern in der schwierigen Lage. Sie werden aufgenommen, wenn auch unter einfachsten Bedingungen. Das Haus ist schon mit Familie und anderen Besuchern zur Volkszählung voll, aber im Stallbereich findet sich noch Platz.

Aber es öffnet sich doch eine Tür! Damit bekommt die Geschichte einen etwas anderen Ton, weg vom der negativen Vorahnung, wie es am Ende mit Jesus ausgeht. Es passt zwar, zu sagen, dass der Heiland von Anfang an in dieser Welt auf Ablehnung gestoßen ist. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf, heißt es treffend im Johannesevangelium. Jesus mußte den Menschen erst mit seinem Leben und Sterben die Augen öffnen, damit sie in ihm Gottes Barmherzigkeit und Liebe erkennen und sich dadurch ändern.

Aber Jesus wird dann trotzdem bereits zu Lebzeiten von Menschen aufgenommen. Er geht bei vielen ein und aus und bereichert dadurch ihr Leben. Wo sich Jesus eine Tür öffnet, da hilft er, dass sich die Türen der Menschenherzen öffnen. Und mit Jesus will Gott eine Tür öffnen. Er schickt seinen Sohn, damit wir die Türen unserer Herzen öffnen. Ich bin die Tür, sagt Jesus deshalb im Johannesevangelium.

Der Advent ist also eine Zeit, in der sich Türen öffnen. Die biblische Geschichte auf dem Weg zur Geburt in Bethlehem ist eine Ermutigungsgeschichte. Denn es öffnen sich Türen für Menschen in Not. Herzenstüren werden geöffnet, und damit ändert sich etwas in dieser Welt. Wir können uns im Advent ermutigen lassen, Türen zu öffnen. Die Tür zu unseren Herzens, damit wir dort Gott einlassen. Aber genauso auch die Türen zueinander, damit wir Gottes Frieden und seine Barmherzigkeit miteinander erleben und teilen können. Amen.

Lift up your heads, O gates! And be lifted up, O ancient doors, that the King of glory may come in. Psalm 24

I am currently reading an exciting book by Kenneth Bailey: “Jesus through Middle Eastern eyes”. Bailey was a pastor and theologian who lived in the Middle East for decades. As a result, he has an insider’s view, so to speak, of everyday life and the conditions there then and now.

The first chapter of the book deals with the birth story in Bethlehem, which is certainly one of the most widespread stories on our planet. Bailey takes a look at the circumstances and externalities of the story. Jesus is born in poor and difficult circumstances, according to the Gospel of Luke. His parents lay him in a manger because they have no other room in the inn. From this, the story developed that Mary gives birth to her child in a stable.

We are all familiar with depictions such as the one at the top of this page, which have visualised this for centuries. We see a draughty stable or a cave without a door and only the animals as company. Bailey, a theologian and expert on the Orient, takes a critical view of this depiction. He can explain quite plausibly that some details are not quite right, apart from the fact that the manger is only mentioned in Luke. Matthew speaks of the wise men from the East meeting the family in a house.

Perhaps the birth story was later retold in this way because it was conceived of from the perspective of the end when the people reject, condemn and crucify the Saviour. Something of this should therefore already be found at the beginning, so that the beginning and end of the Gospel correspond with each other. Or quite simply: the story was dramatised, so to speak, in order to tell it more excitingly?

Bailey has a few arguments worth considering that allow a different categorisation. If Joseph was a descendant of David and returns to his birthplace, then it is unlikely that no doors should open for him there. Moreover, in oriental culture – and certainly not only in oriental culture – a heavily pregnant woman does not remain without help.

And one argument that I find particularly plausible: back then, ordinary people did not have stables separate from their houses. On the contrary, people and animals lived together in one building, as was still common in rural areas in Europe well beyond the Middle Ages. The simple houses of the people consisted of one large room, which was divided into an area for the animals and an area for the people. This meant that the animals were safe at night and the house was warmer on cold nights.

So we can hear the story of the birth of Jesus in a slightly different and new way. A door opens for the prospective parents in a difficult situation. They are taken in, albeit under the simplest of conditions. The house is already full with family and other visitors for the census, but there is still room in the stable area.

But a door does open! This gives the story a slightly different tone, away from the negative foreboding about how things will end with Jesus. It is fitting to say that the Saviour met with rejection in this world from the very beginning. He came to his own, and his own people did not receive him, it says aptly in the Gospel of John. Jesus first had to open people’s eyes with his life and death so that they would recognise God’s mercy and love through him and change as a result.

But Jesus is still received by people during his lifetime. He goes in and out of many people’s homes and enriches their lives as a result. Where Jesus opens a door, he helps to open the doors of people’s hearts. And with Jesus, God wants to open a door. He sends his Son to open the doors of our hearts. I am the door, says Jesus in the Gospel of John.

Advent is therefore a time when doors open. The biblical story on the way to the birth in Bethlehem is a story of encouragement. Because doors open for people in need. Doors of the heart are opened and something changes in this world. During Advent, we can be encouraged to open doors. The door to our hearts, so that we can let God in there. But also the doors to each other, so that we can experience and share God’s peace and mercy with each other. Amen.